Baltica 2025
Ein Leben lang habe ich davon geträumt, mit dem Fahrrad auf große Touren zu gehen. Insbesondere der Traum vom Nordkapp hat mich seit meiner Jugend begleitet. Es dauerte aber über 40 Jahre...
Im Jahr 2025 war es dann aber an der Zeit, an die Verwirklichung dieser Träume zu gehen. Ein ausgefülltes Berufsleben und eine große Familie lassen wenig Zeit für große Radtouren, schon gar nicht alleine. In Gedanken war ich aber immer wieder mit dem Rad auf dem Weg zum Nordkapp. In der Realität aber bin ich nie über Dänemark (Familienurlaub mit dem Auto) hinaus gekommen.
Erst jetzt, in der letzten Phase meines Berufslebens, ist es mir möglich geworden, 3 Monate unbezahlten Urlaub zu nehmen und mich auf die Reise zu machen. Aus einer vagen Idee vor 2 Jahren hat sich, auch mit moralischer Unterstützung der besten Ehefrau der Welt, ein Plan entwickelt.
Die Ausgangslage
Nun, das Nordkapp würde es dieses Jahr nicht werden. Das muss noch warten. Denn ich war für Mitte August bei einer Sportveranstaltung in Tallinn (EuroHash 2025) angemeldet und war daher zeitlich beschränkt. Ich hatte also ich nur ein Zeitfenster von Anfang Juli bis Ende September und damit schied das Nordkapp schon einmal aus.
Also Ersatzidee, ich radle im Uhrzeigersinn ab Hamburg um die Ostsee nach Tallinn. Aber das stellte sich nach einiger Überlegung aus an zeitlich nicht machbar heraus, wegen des fixierten Termins in Tallinn Mitte August.
Am Ende dann entwickelte sich der Plan, durch Polen (ab Wien wäre das zeitlich ebenfalls nicht machbar gewesen) und das Baltikum zu radeln, mit dem Ziel es Mitte August nach Tallinn zu schaffen und dann nach der Veranstaltung die verbleibenden 5 Wochen weiter nach Norden zu radeln, soweit ich halt komme.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich erst ein einziges Mal in Polen (Krakau) war und das Baltikum ebenfalls noch nie besucht habe. Es war daher ohnehin an der Zeit, das zu ändern!
Aus dieser konkreten Idee wurde dann die endgültige Tour, über die hier berichtet wird.
Die Planung
Ich habe mich im Jahr vor der Reise in meiner Freizeit lange mit der Planung beschäftigt. Habe mögliche Routen gesucht, Reiseberichte anderer Radfahrer in dieser Weltgegend gelesen, mich mit möglichen oder notwendigen Ausrüstungsgegenständen beschäftigt und so weiter. Daraus entstanden dann eine Packliste und die Reiseplanung. Ich werde über diese Dinge an anderer Stelle dann berichten.
Das Wichtigste an dieser Stelle vorweg:
Im Winter vor der Reise habe ich tatsächlich einen direkten Zug mit Fahrradmitnahme von Wien nach Warschau gefunden. Das ist deshalb wichtig, da man zwar in Österreich ein Zugticket mit Fahrradplatz bequem im voraus buchen kann, in der tschechischen Republik und in Polen aber nicht, weshalb Umsteigeverbindungen ausscheiden.
Das Problem war nur, dass ich mir wieder mal zu lange Zeit gelassen habe mit der Buchung und als ich dann (viel zu spät) buchen wollte, waren keine Fahrradplätze mehr verfügbar. Ein Schuss ins eigene Knie also.
Ich war also gezwungen, mich nach Alternativen umzuschauen und kam so zu meiner ersten Reise mit dem Flixbus. Bisher war der Flixbus nicht auf meinem Radar für Fahrradreisen, aber es stellte sich heraus, dass es viele Busse auf den Flix-Linien gibt, die auch Fahrräder mitnehmen. Mir scheint sogar, das ist in fast ganz Europa jeder zweite Flixbus.
Im Ergebnis begann das Abenteuer Fahrradreise also gleich mit einem weiteren Abenteuer, der ersten Reise mit dem Flixbus!
Die Reise
Ich war von meiner Abreise aus Wien am Abend des 5. Juli 2025 bis zu meiner Rückkehr am 14. September 2025 insgesamt 71 Tage unterwegs (inklusive der 5 Tage beim EuroHash 2025 in Tallinn).
Hier die wichtigsten Informationen in tabellarischer Form:
| Anzahl Tage gesamt | 71 Tage | inkl. 5 Tage in Tallinn auf einer Sportveranstaltung, während das Fahrrad im Hotel untergestellt war. |
| Anzahl Tage Radreise | 66 Tage | |
| davon Ruhetage | 17 Tage | Das sind echte Ruhetage oder Tage auf dem Schiff. |
| Radtage | 49 Tage | Das sind die Tage an denen ich mit Gepäck unterwegs gewesen bin. |
| Gesamtkilometer | 4.012 km | Ermittelter Wert (Siehe dazu später die Ausführungen zum Thema Navigation und Tracking). |
| Kilometer pro Radreisetag | ca. 61 km/Reisetag | Radreisetage incl. Ruhetage. |
| Kilometer pro Radtag | ca. 82 km/Radtag | Das ist also die durchschnittliche Distanz pro Tag auf dem Rad. |
| Längste Tagesetappe | 123 km | Estland, Haapsalu nach Laagri |
| Kürzeste Radetappe | 33 km | Deutschland, Großhansdorf nach Wilhelmsburg (Hamburg) Ausnahme: Überführungsetappen und Strecken an Ruhetagen ohne Gepäck. |
| Übernachtungen insgesamt | 64 Nächte | Exkl.5 Nächte beim EuroHash 2025. |
| davon im Hotel (incl. B&B) | 15 Nächte (23 %) | Definiert durch: Eigenes Bad und es gibt ein Frühstück. |
| davon Hostel und B&B | 13 Nächte (20 %) | Definiert durch: Gemeinschaftsbad und/oder keine eigene Küche (i.d.R. Gemeinschaftsküche) |
| davon Ferienwohnungen | 12 Nächte (19 %) | Komplette Wohnungen incl. eigener Küche. |
| davon Camping | 20 Nächte (31 %) | Campingplatz, Freies Zelten, Shelter. |
| davon Sonstige | 4 Nächte (6 %) | Schiffspassage, Busfahrt, Familienbesuche. |
| Mein Gewicht bei Abreise | 98 kg | |
| Mein Gewicht bei Rückkehr | 90 kg | (Nein, ich bin nicht kürzer geworden!) |
Die Reise führte mich durch 7 Länder Europas. Es war manchmal hart und anstrengend, es gab Momente an denen ich einfach keine Lust mehr hatte und mich nach dem nächsten Bus nach Hause umgeschaut habe. Es gab Zeiten der Schwäche (der Radfahrer nennt das dann wohl "schwere Beine") und es gab Zeiten, in denen das Radeln einfach mühelos war. Ich habe viel wunderbare Landschaft gesehen, habe gegen den Wind gekämpft und im Norden auch gegen die Kälte und ich habe mich über die Sonne und warme Sommertemperaturen gefreut.
Ich war alleine und frei, aber nie einsam.
Ich glaube, das ist was man "Glücklich sein" nennen kann.
Die letzten Monate habe ich damit verbracht, auf Basis meiner Notizen (ganz klassisch, ein kleines schwarzes Notizbuch), meiner Photos und Videos, sowie meiner täglichen Nachrichten auf Mastodon und meiner Erinnerungen, ein Reisetagebuch zusammen zu stellen.
Darauf aufbauend werden ich demnächst auf den folgenden Seiten detailliert über die Tour berichten. Vielleicht ist es Inspiration für die Eine oder den Anderen.
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